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Das Ding mit den Diskussionen

Es ist Freitag, 19:30 Uhr in Weßling. Der große Raum mit der Bühne an der Stirnseite füllt sich langsam. Meine Tochter und ich sitzen im hinteren Teil in einer Einfriedung, trinken Schorlen und warten, dass es los geht. Meine Tochter stupst mich an und gibt mir mit einem Blick auf die Anwesenden zu verstehen, dass sie dasselbe denkt wie ich. Von jungen Leuten bisher noch keine Spur.

Eine kurze Ansprache des Verantwortlichen führt schon mal zur Thematik hin und dann kommen die Podiumsdiskutanten: Pfarrer Constantin Greim aus Weßling, Martin Dameris, Klima- und Atmosphärenforscher am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Ellen Hacker vom Bund Naturschutz und die drei Jugendvertreter Tim Graser, Elena Rebay und Jakob Umhau.

Nachdem sich alle vorgestellt und erklärt haben warum sie an dieser Diskussion teilnehmen, beginnt das Gespräch, das so oder so ähnlich gerade ganz oft stattfindet. Menschen mit der gleichen Ansicht, denselben Zielen und Hoffnungen reden über die Machbarkeit eines gesellschaftlichen Wandels, um die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5° doch noch zu erreichen. Das ist ja auch gut und wichtig und stärkt den fachlichen Konsens. Aber So geht es halt dann hin und her und man hat das Gefühl, dass sich absichtlich ein bisschen missverstanden wird, damit die Diskussion wenigstens ein klein wenig was von einer Debatte bekommt. Meine Tochter daddelt schon am Handy.

Schließlich schaltet sich auch das Publikum ein. Die Generation, welche die letzte große Jugendbewegung 1960 mitbekommen und auch mitgetragen hat, was man so aus den Wortmeldungen heraushört. Vor allem eines wird ganz deutlich: sie stehen zu 100% hinter der Fridays For Future Bewegung. Mehrfach hört man "macht weiter so" und "ihr müsst noch mehr werden".

Der Abend geht zu Ende. Die letzten Worte werden gesprochen. Gut die Hälfte der Besucher ist schon frühzeitig aufgebrochen. Es ist spät.

Meine Tochter gähnt. Auf dem Heimweg frage ich sie, ob ihr was aufgefallen ist. Sie zuckt müde die Schultern. "Da waren fast nur alte Leute."

Stimmt, denk ich und bohre weiter. "Was noch?" Sie überlegt ein bisschen. "Die Jugendlichen haben mir ein bisschen leid getan."

Auf meine Nachfrage erklärt sie: "die machen das ja, weil sie die Welt retten wollen und dann ist es immer so, als müssten sie das erklären, obwohl sie gar nicht dran schuld sind, dass es so ist." Kluges Kind.

Tatsächlich kommt es einem allem Zuspruch zum trotz so vor, als müssten sich die Aktivisten ständig rechtfertigen und erklären. Weil sie Jung sind und eigentlich noch keine Ahnung haben dürften?! Der Vorwurf, nur deshalb an den Demonstrationen teilzunehmen, um eine Ausrede fürs Schuleschwänzen zu haben, klingt in den Ohren nach. Und hört man nicht auch dauernd, wie heuchlerisch es nicht ist, dass sie alle ein Handy und ein Tablet besitzen und ständig die neuesten Klamotten tragen müssen?

Völlig verständlich, dass Erwachsene Jugendliche nicht für voll nehmen. Immerhin ist das ja auch die Aufgabe der Erwachsenen: die jüngeren Generationen beschützen, sich in die Politik einmischen, Widerstand leisten. Machen sie aber nicht. Oder zumindest zu wenig.

Dass man nicht seinen Job aufs Spiel setzen will, weil man jeden Freitag demonstrieren geht, kann man ja nachvollziehen, aber warum gibt es keine Samstags- oder Sonntagsdemos von Erwachsenen?

Insbesondere fällt auf, dass die Interessenlosigkeit zwischen 30 und 60 um sich greift. Ausgerechnet die Generationen, die mit der Freiheit aufgewachsen sind, sich eine eigene Meinung bilden und diese auch frei äußern zu dürfen.

Und da haben wir jetzt ein Problem. Wenn die Diskussion am Freitag eines deutlich gemacht hat, dann dass wir unbedingt den Dialog mit genau den Menschen brauchen, die sich bisher nicht für den Klimawandel interessiert haben oder diesen sogar abstreiten. Und zwar abseits des Deckmäntelchens „Internet“.

Wir brauchen Erwachsene, die auf die Straße gehen. Wir brauchen Aktivisten, die nicht die Arbeit der Generation überlässt, die am allerwenigstens dafürkann; die hineingeboren wurde in ein System, das wir erschaffen haben, indem wir zu lange zugesehen und geduldet haben. Wir brauchen Menschen, die aufklären, bilden, nicht nachlassen.

Nur dann kann das gelingen, was die Jugend begonnen hat aber jetzt von allen mitgetragen werden muss: ein Systemwandel, der die Lebensgrundlage für alle nachfolgenden Generationen sichert.



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